Eröffnungsrede

Eröffnungsrede für die Ausstellung
Elisabeth Steinschneider presents: Christina Benz, Françoise Caraco, Philipp Frei, Henrik Hentschel, Marie-Luise Lange, Susana Perrottet, Romy Rüegger, Renée Schauecker, Karoline Schreiber, Julia Sheppard, Emanuel Strässle, Riikka Tauriainen

30.06.2009, Kunstmuseum Bern

Sehr verehrte Damen und Herren!
Als erstes möchte ich mich bei Dr. Matthias Frehner, dem Direktor des Kunstmuseums Bern für die Gelegenheit bedanken, die heute ausstellenden Künstlerinnen und Künstler präsentieren zu dürfen. Besonderer Dank geht an Dr. Kathleen Bühler, die uns als Kuratorin in jeder Weise unterstützte – und uns die Untiefen der Organisation dieser Ausstellung zu umschiffen half. Schliesslich bedanken sich die Künstlerinnen und Künstler bei der Professorin Cecile Wieck und bei Martin Jaeggi, die für die Idee hier auszustellen verantwortlich zeichnen und uns mit den entscheidenden Kontakten versorgten.

In einem Kunstmuseum auszustellen ist etwas Besonderes. Deshalb möchte ich die Gelegenheit ergreifen und von Kunst sprechen, respektive von junger Kunst und ihrer Bedeutung.
Nachdem meinem Entschluss, ein Mäzenat in Berlin zu beginnen, wurde ich immer wieder gefragt: warum der Aufwand mit junger, manchmal noch unbekannter Kunst – das ist doch nicht sinnvoll? – Es gibt für mich persönlich nichts Wichtigeres als die Förderung junger und aktueller Kunst.
Woher kommt dieses Interesse?
Es kommt von ihrem Wesen: Kunst ist ein Experiment. Sie ist scheinbar immer experimentell. Ich sage „scheinbar“ – denn ein wissenschaftlich ist es etwas völlig anderes. Es sucht die Bestätigung – es schließt aus und es ist keinesfalls einzigartig. Ein künstlerisches Experiment intendiert. Es soll die Fragestellung erfahrbar machen. Einerseits übernimmt die Kunst, andererseits kommt ein Moment hinzu.

Ein Zitat Adornos zur Ästhetischen Theorie vor mehr als 70 Jahren

Die Nötigung aktualisiert sich in der Idee des Experimentierens. Der Begriff des Experiments wurde äquivok. Bezeichnete er noch 1930 den gefilterten Versuch, so ist unterdessen hinzu getreten, dass die Gebilde Züge enthalten sollen.

Diese „Züge“, die hier gemeint sind, beschränken sich keineswegs . Es sind im Gegenteil opake Momente. Das meint Kunst mit „Originalität“ – obwohl es das in Zeiten fortschreitender Simulation verweigert!

DAS KLINGT NACH EINEM WIDERSPRUCH?

Der moderne Begriff des Experiments führt geradewegs zu einer postmodern Frage, gestellt von Jean-François Lyotard:

Was wollen wir heute von den Künsten? – und er gibt gleich seine absolut faszinierende Antwort: Sie sollen experimentieren und nicht mehr nur modern sein.

Damit wissen wir zwar nicht, was Kunst ist. Dafür wissen wir, wie sie aussieht. Vor allem wissen wir, „heutige“ Kunst muss nicht mehr modern sein. „Moderne“ Kunst gehört ja der Moderne an. Für den Nexus von Kunst und Experiment bedeutet dies das einzige unveränderliche Kriterium, dem das Werk heute unterliegt. Wenn ich aktuelle Kunst sehe, sehe ich genau das. – Grosse Themen werden spielerisch in Bedeutungszusammenhänge gebracht. Das macht junge Kunst so wirkmächtig!
Die aus der Moderne nachhängenden Konzepte verursachen Probleme. Weil wir selbst nicht mehr modern sind. Allerdings ohne zu wissen, was dies genau bedeutet. Das ist ein Kennzeichen der Postmoderne. Mit diesem Zusammenhang beweisen junge Künstlerinnen und Künstler uns allen unsere Zugehörigkeit.

Was heisst das?

Diese Frage meint, dass wir den Sinn der Behauptung, es gäbe keinen eindeutigen Sinn von etwas, nicht durchhalten, obwohl wir danach leben: Damit soll nicht gesagt werden, dass Fragen sinn- oder bedeutungslos seien.
Diesen Prozess müssen wir untersuchen. Aktuelle Kunst will unser Denken am Sinn entlang entwerfen. Das ist der Topos der aktuellen Herausforderung: Der Verlust von Sinn definiert die Situation, in der wir uns immer schon befunden haben. Er ist die Botschaft: in der Kunst persönlich. Was immer man unter junger Kunst verstehen mag, sie kann nur durch diese Öffnung nach aussen. Es geht um: „erforschen; weiter machen, experimentieren. Und das genau ist Postmoderne. Und da diese Ausstellung nicht nur Arbeiten zeigt sondern selbst wie ein Experiment wirkt, erlaube ich mir die Einschätzung, dass es sich hier um eine „postmoderne“ Ausstellung handelt.

Arbeiten junger Künstler knüpfen an Orientierung an, die immer mitläuft. Im Zeitalter der medialen, kommunikativen und ökonomischen Vernetzung entwickeln sich Fragen. Und nur als solche sind sie zu verstehen. Sie zeigen, dass es immer gemeinsame Differenzen gibt. Akzeptanz wird zu einem Höhepunkt, der sich nicht mehr auf die Konzeption beschränkt. In der künstlerischen Affirmation steigert sie sich und gerät zu einem Knotenpunkt der Bereitschaft. Wie immer ihre Teilaspekte bewertet werden mögen, viel wichtiger ist die Ausrichtung auf das Gesamtprojekt.
Das Leben und Werk junger Künstlerinnen und Künstler ist disponiert. Das ist nicht nur überraschend sondern einleuchtend. Es setzt sich stringent fort. In Performances zeigt sich dieses Wesen oftmals als Prozess-, Vernetzungs- und Kommunikationsexperiment. Die Arbeiten pendeln hin und her.

Das ist prinzipielle Kunst als Inszenierung!

Sie führt ad absurdum und ist gleichzeitig freimütiges Zugeständnis im Kreislauf ihrer Wirkungen. Damit verdichtet sich ein Prozess. Eine Verdichtung, die einerseits als Vexierpunkt zu verstehen ist und andererseits eine Haltung sein will. Junge Kunst bezieht immer Stellung. Darum ist sie so notwendig.

Thematisch zeigt sich das immer öfter in grossräumigen Installationen. Künstler und Künstlerinnen beziehen sich mit ein. Im Grunde genommen ist die Beteiligung nur eine logische Folgerung vom dem, was sie ausmacht. Ein aufmerksamer Blick zeigt, dass eigentlich nicht viel von dem, was wir heute als genuin empfinden, tatsächlich so entstanden ist. Diese Frage führt zwangsläufig zu anderen Themen: Zum Beispiel, in welcher Beziehung steht die Künstlerin, der Künstler selbst zur Kunst. Alles Fragen ist ineinander verschränkt. Wir können nicht unabhängig voneinander antworten. Diese drängenden Fragen werden immer dringlicher.

In diesem Sinne ist auch die NEUE Malerei zu verstehen. Der Blick auf das Bild zeigt niemals das eigene Ich, sondern nur, dass man, wenn man nur sich selbst sieht, sich deshalb eben nicht sieht. Das ist die eigentliche Aussage jeder Kunst – denn auch sie erkennt im Bild diese Wahrheit: Setzt man sich mit diesen Thesen auseinander, so sieht man aber auch, dass die damit einhergehenden Vorstellungen obsolet sind. Vollkommen unbrauchbar.
Da verwundert es nicht, wenn Künstlerinnen und Künstler in ihrer Arbeit müde werden, darauf hinzuweisen, dass solche Konzepte in Katastrophen münden können und dass es Zeit wäre, sich davon zu verabschieden. Dies gilt für die menschliche wie auch für die künstlerische Ebene. Wirklich provinziell ist, wer die eigenen Denkversuche an sich für „richtig“ hält. Damit will ich etwas Positives sagen – nämlich dass es vollkommen belanglos ist, ob ein Künstler ausstellt oder wo er es tut.

Viele aktuelle Arbeiten speisen die Stimme in ein Netzwerk aus Material und Nicht-Material. Nicht nur dass wir tatsächlich vernetzt sind, intendieren sie auf zusätzliche Dimensionen. – Es ist eine spezielle Erfahrung, sich diesen Arbeiten zu stellen. Telos und Logik werden nicht mehr einfach miteinander in Verbindung gebracht, sondern die Mechanismen werden gesetzt. Der Druck, der sich vor allem durch die Bedingungen vollzieht, beschleunigt sich. Dabei beschleunigt sich nicht nur die Entwicklung selbst, sondern auch die Systeme und ihre Beziehungen – bis hin zum Paradox. Dass bestätigt ziemlich deutlich die systemischen Thesen von Niklas Luhmann.

Das in diesem Zusammenhang neu definierte System von Zeichnung und Malerei zeigt einen Zustand akuter Spannung – ob wir dies nun als Kritik oder als Kommentar zum Status quo verstehen. In diesem Geflecht verdichten sich eindeutige Verhältnisse, Kausalitäten und Mechanismen. Wir fragen uns, warum der Zustand gerade jetzt so ist, wie er ist. Zwischen gemaltem Bild und Zeichnung fluktuiert es. Deutlich wird in diesen sich aufeinander zu bewegenden Materialien jener Aspekt, der zu Überforderung führt. Der Ruf der Kunst erschallt laut und unüberhörbar. Und wer ruft, beschreibt eine Welt, in der es Einfachheiten nicht mehr gibt. Um diesen Ruf kreist Kunst heute.
Es gibt es kein einstimmiges, identisches Bild mehr, sondern nur noch plurivoke, heterogene, plurale, differenzielle – kurz Projektionsgebilde. Alles wird medienreflexiv mit Differenz versehen. In dieser doppelten Bewegung erweisen sich Gegensätze plötzlich als das Gleiche. Mit dem erstaunlichen Effekt, dass sie changieren zwischen eindeutig und uneindeutig. Es ist nicht möglich.
Vielleicht müsste man sagen, diese Arbeiten „befremden“. Vielleicht müssen wir uns noch viel mehr befremden lassen. Dieses Leer-Stehen vor der Kunst. Diese zur Schau gestellte Ratlosigkeit finde ich in keinem anderen Wesen als in der Kunst.

Die Kunst heute ist anachronistisch vielfach – als wollte die Dynamik unseres Heute ihr Gegenbild finden. In immer komplexeren Arbeiten wählen die Akteure paradoxe Embleme, die sie aus dem Hintergrund herauslösen, um sie in den Vordergrund zu stellen. Diese Arbeiten sind Manifestationen, die mit der Absicht in Widerspruch stehen. Es geht auch um Entschleunigung, die als Zeitspanne demselben Gesetzten unterworfen ist. Auch Entschleunigung hat immer noch Geschwindigkeit. Paradox ist, wie dieser Paradigmenwechsel in der Malerei einer derartigen Idee vollzogen wurde.

Kunstwerke sind heute Metamorphosen – vergleichbar einem Protozoon, einem Lebewesen, das an der Schwelle steht: So erfahren wir im Zweifel mehr – und immer wieder, was Wahrheit ist. Sein kann. In feinen, transparenten Hinweisen weist sie auf die alles umgreifende Frage: Gibt es „Kultur“ oder ist sie nur in den Phänomenen? Anders gefragt: Ist Kunst nur Effekt?

Obwohl es noch so vieles zu den Ausdrucksweisen aktueller Kunst zu sagen gäbe, möchte ich mit dieser Frage schließen und das Ungesagte einfach ungesagt lassen!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit